

Impulse & Insights
Zwei grosse Projekte, fast zeitgleich im selben Unternehmen. Das eine scheiterte beinahe, das andere wurde zum Vorzeigeprojekt. Beide hatten ähnliche Rahmenbedingungen, doch während das erste in Konflikten und Stillstand endete, entwickelte das zweite eine Dynamik, die alle überraschte.
Wie ist dieser Unterschied zu erklären?
Im ersten Projekt wich die anfängliche Motivation bald gegenseitigem Misstrauen. In Meetings sprachen die Beteiligten nur über das Nötigste, Ideen wurden selten geteilt, und wer Kritik äusserte, galt schnell als Bremser. Entscheidungen zogen sich hin, weil niemand Fehler riskieren wollte. Im zweiten Projekt dagegen herrschte eine andere Dynamik: Fragen wurden offen gestellt, auch unbequeme Themen kamen auf den Tisch, und unterschiedliche Meinungen führten zu besseren Lösungen statt zu Spannungen. Das Team lernte schnell, arbeitete flexibel und unterstützte sich gegenseitig, auch wenn es schwierig wurde.
Die Teams waren fachlich stark besetzt - teilweise sogar mit den gleichen Personen, die Kommunikation offen, die Projektziele klar. Und doch war das Ergebnis grundverschieden. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Kompetenz, nicht in der Methodik und nicht in der Leitung, sondern in etwas viel Grundlegenderem: Im Klima der Zusammenarbeit, um genau zu sein in der psychologischen Sicherheit.

Der Begriff stammt aus der Forschung von Amy Edmondson (Harvard Business School).
Sie beschreibt psychologische Sicherheit als die Überzeugung, dass man im Team persönliche Risiken eingehen kann, ohne dafür abgewertet oder bestraft zu werden Das klingt banal, ist aber in der Praxis ein grosser Unterschied.
Psychologische Sicherheit heisst:
Diese Verhaltensweisen sind der Nährboden für Lernen, Innovation und Zusammenarbeit. Fehlt dieses Klima, wird aus Zusammenarbeit schnell Silodenken, aus Kritik wird Schweigen, und aus Lernen wird Verteidigung.
Oft wird psychologische Sicherheit mit Vertrauen verwechselt, aber die beiden sind nicht identisch, obwohl sie oft gleich verwendet werden und eine grosse Ähnlichkeit aufweisen.
Vertrauen bezieht sich primär auf Handlungen und Verhalten: Ich vertraue, dass du tust, was du versprichst bzw. was ich erwarte. Sie macht andere berechenbar.
Psychologische Sicherheit dagegen beschreibt die Dynamik des ganzen Teams: Ich weiss, dass ich mich zeigen darf – mit Fehlern, Zweifeln und Ideen.
In einem Team, in dem jeder tut, was er verspricht und was die anderen von ihm erwarten, kann es trotzdem wenig psychologische Sicherheit geben, wenn etwa Hierarchien, unausgesprochene Erwartungen oder unklare Machtverhältnisse dazu führen, dass sich niemand traut, kritische Fragen zu stellen.
Psychologische Sicherheit ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Grundvoraussetzung für Lernfähigkeit und Veränderungsbereitschaft.
Wenn Menschen Angst haben, Fehler zu machen oder sich zu blamieren, vermeiden sie Risiken, und genau das blockiert Innovation.
Studien zeigen:
Das gilt besonders in Umfeldern, in denen Eigenverantwortung, Kreativität und Anpassungsfähigkeit gefragt sind – also praktisch überall, wo moderne Zusammenarbeit stattfindet.

Psychologische Sicherheit lässt sich nicht verordnen. Sie wächst dort, wo Führung und Teammitglieder bewusst an der Art ihrer Zusammenarbeit arbeiten. Entscheidend ist, dass Vorgesetzte den Raum öffnen und nicht sofort füllen. Sie schaffen Sicherheit, indem sie zeigen, dass jede Perspektive zählt, auch wenn sie nicht übernommen wird.
Drei zentrale Elemente, die diesen Prozess tragen:
Ein Beispiel aus der Praxis: In einem wöchentlichen Teammeeting äussert die Leitung zunächst bewusst keine eigene Meinung zu einem neuen Projektvorschlag. Stattdessen bittet sie die Teammitglieder um ihre Einschätzung, hört aufmerksam zu und greift Ideen auf, bevor sie sie selbst bewertet. Selbst wenn eine Idee am Ende nicht umgesetzt wird, wird sie zunächst ernsthaft diskutiert. Dieses Vorgehen signalisiert Respekt und lädt zum Mitdenken ein. Ein entscheidender Schritt hin zu mehr psychologischer Sicherheit. Und in der Realität ist es dann meist so, dass viele Aspekte, die in der offenen Diskussion vorgebraht wurden, bei der Umsetzung mit berücksichtigt werden, und das Projekt so besser machen.
In den letzten Jahren ist viel über psychologische Sicherheit gesprochen worden, besonders seit der Google-Studie „Project Aristotle“, die sie als wichtigsten Faktor erfolgreicher Teams identifizierte.
Das hat zu einem regelrechten Hype geführt. Und wie bei jedem Hype besteht die Gefahr, dass der Begriff verwässert wird.
Psychologische Sicherheit ist nicht:
Sie ist die Basis, damit Konflikte konstruktiv ausgetragen, Fehler genutzt und Entscheidungen besser getroffen werden können. Und sie darf kein Lippenbekenntnis bleiben: Sonst erreicht sie genau das Gegenteil von dem, was sie bezweckt.
Im eingangs erwähnten Beispiel war der Unterschied zwischen den beiden Projekten frappant.
Im ersten herrschte Misstrauen, verdeckte Interessen dominierten, offene Kritik wurde gemieden.
Im zweiten Projekt dagegen schuf die Leitung ein Klima, in dem alle Perspektiven gehört wurden, inklusive berechtigter Bedenken.
Die Beteiligten wussten: Ihre Meinung zählt, und selbst kritische Rückmeldungen werden nicht sanktioniert.
So entstand Energie, Kreativität und Eigenverantwortung und ein Resultat, das nicht nur die Erwartungen übertraf, sondern Bestand hatte.
Psychologische Sicherheit ist das unsichtbare Fundament erfolgreicher Teams.
Man spürt sie nicht sofort, aber man merkt sehr schnell, wenn sie fehlt, denn das Team verliert seine Stabilität.
Sie ist kein Wohlfühlkonzept, sondern ein Produkt von Haltung, Empathie und gelebtem Respekt.
Wo sie fehlt, wird Angst zum ständigen Begleiter von Veränderung.
Wo sie vorhanden ist, entsteht das Vertrauen, gemeinsam Neues zu wagen.

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ÜBER DEN AUTOR

Robert Prange
war mehr als 25 Jahre in Führungsrollen tätig, oft an den Schnittstellen von Menschen, Prozessen und Veränderung. Dabei hat er sich stark mit Persönlichkeitsentwicklung und systemischem Denken beschäftigt.
Er begleitet Menschen und Organisationen mit Klarheit, Offenheit und der Überzeugung, dass Entwicklung möglich ist – auf allen Ebenen.